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Der große Dom im AbendlichtNicht alles mit Moral ist eine Fabel

Nachzureichender Bericht von einem fabelhaften Novemberwochenende

Einer jungen Tradition folgend, machten wir uns zu viert am letzten Novemberwochenende noch einmal auf den Weg nach Sachsen. Nach einer sehr lustigen Autofahrt war unsere erste Station die Gaststätte „Forsthaus" im Kirnitzschtal. Gestärkt schlossen wir uns auf dem Parkplatz im „Naßen Grund" einem alten Yeti an. Hätten wir gewusst, dass wir kurz darauf über den Jordan gehen würden, hätten wir uns diesem Fabelwesen möglicherweise nicht so leichtfertig anvertraut.

Dennoch kamen wir wenig später ohne Umwege in der Sachsenhöhle im Großen Dom an. Wenn man bedenkt, dass der Jordan der kürzeste Weg zwischen Naßem Grund und Großem Dom ist und es sich bei Yeti um den Namen handelt, mit dem sich der vierte Mitreisende seit den 80er Jahren in die sächsischen Gipfelbücher einträgt, ist das alles gar nicht mehr so verwunderlich. Und so machten es sich Roland, Dirk, der Yeti und ich noch mit ein paar heißen Getränke in der Boofe gemütlich.

Am nächsten Morgen dachte man zunächst, ich scherze, als ich frisch gebackene Brötchen ankündigte. Kurz zweifelte ich angesichts der klebrigen Pampe auch, aber dann gab es doch tatsächlich lecker Boofenbrötchen (siehe Boofenkochbuch S. 16).

Nach dem Frühstück nutzen wir den alten Aufstieg aus dem großen Dom. Überrascht stellten wir fest, dass der Weg über die große Platte offenbar kurz zuvor eine neue Kette zur Sicherung erhalten hatte (siehe
SBB-Mitteilungsblatt S. 22 bzw. www.ruebezahlstiege.de) und jetzt auch bei herbstlichen Bedingungen und Klettergepäck etwas weniger moralisch zu begehen ist.

Die Kletterziele für den heutigen Tag waren nicht thematisch gewählt. Trotzdem machte mir auf dem Weg zu den Zerborstenen Türmen vor allem mein Kopf zu schaffen, der bei jedem Schritt ebenfalls zu zerbersten drohte. Zu spät hat Roland gestern Abend beim Dosieren meines einzigen Grogs die Info erhalten, dass es sich bei der abgefüllten Flüssigkeit um Stroh 80 handeln würde. Dem Gefühl nach schickte sich mein Schädel an, dem zweiten Kletterziel des Tages alle Ehre zu machen. Zunächst stiegen wir jedoch in den Westgrat (III) am 1. Zerborstenen Turm. Roland und Dirk teilten sich den Vorstieg, bei dem der Gipfel halb mit dem Seil eingewickelt wird. Für moralisch Ungefestigte hielt der Weg zwei erste Proben parat. Die Grandwanderung vom 1. zum 2. Ring – hier werden Erinnerungen an die Jahresletzte 2012 an der Wartburg wach. Hat man das Gipfelbuch erreicht, ist es noch nicht ganz geschafft. Zum Abseilen ist wahlweise noch mal ein kleiner Sprung, Übertritt oder Überfall von Nöten.

Am Gespaltenen Kopf hingen wir gemeinschaftlich einen Sack auf und packten das Seil wieder in selbigen. Die Bewertung des AW mit IV (V) konnten wir nur mit der Floskel: „Die spinnen, die Sachsen!" kommentieren. Weder ohne noch mit Unterstützung offenbarte sich uns ein gangbarer Weg auf den Gipfel. Kurz drohte auch das Wetter zu kippen, hielt sich aber dann dankenswerter Weise, so dass wir unsere durch den Sack nur minimal beeinträchtigte Moral am Furz kurz und schmerzlos über den AW (III) wieder aufbauen konnten. Für den Gaudi (VIIIb) kommt Dirk vielleicht noch einmal bei sommerlichen Bedingungen
zurück.

Letztes Tagesziel war dann das Weißhorn, was allen Gipfelsammlern in der Gruppe noch fehlte. Dirk gönnte sich hier einen Ruhetag (V) und holte sich und uns eine 67. Begehung (allerdings sind die Begehungszahlen laut teufelsturm.de unsicher, da das Gipfelbuch eine Zeitlang fehlte). Die Schwierigkeit des Weges ist hier stark von der Körpergröße abhängig.

Seilschaft

Auf dem Westgrat am 1. Zerborstenen TurmDirk hat Ruhetag am Weißhorn

 

Die einsetzende Dämmerung kündigte nun das Ende des Klettertages an und der Yeti kannte eine Abkürzung in die Boofe. Ins Tal war es so nur noch ein Sprung – genaugenommen ein 2er Sprung auf den Dompfaff, um dann mit den Rucksäcken in den Großen Dom abzuseilen. Ich habe mir mit Roland schon eine ganze Reihe von Sprüngen angesehen und dann immer einen alternativen Weg auf den Gipfel gewählt. Warum ausgerechnet dieser Sprung der erste war, den ich mich getraut, bleibt mir auch im Nachhinein ein Rätsel. Von einer schrägen Absprungfläche geht es rund 2,5 bis 3 Meter weit und fast 2 Meter in die Tiefe.
Aufstehen und Abspringen ist dann eine Bewegung. Wenigstens ist die Landefläche groß und relativ eben. Der Yeti sprang beherzt vor. Dirk und ich sprangen nach und ich hatte für den Rest des Wochenendes mit einer zerborstenen Ferse zu kämpfen – nicht wörtlich, aber zumindest, was die Schmerzen anbetraf. Roland
wählte lieber den nicht weniger moralischen, dafür aber – insbesondere für Kleine – technisch viel  anspruchsvolleren AW (IV), bei dem man zwischen Massiv und Gipfel hochspreizt.

Nicht nur wegen der Sprünge war die Zeit wie im Fluge vergangen. Plötzlich war es Nacht und wir befanden uns erst in der Hochscharte. Die zweite lange Abseilfahrt von einem ausgesetzten Felssporn in die
dunkle, zunächst bodenlose Tiefe geriet so ebenfalls noch recht moralisch.

Zufrieden und beeindruckt von unserem Klettertag setzten wir uns in der Boofe an unsere Kochgeräte und fabrizierten das Abendessen. Es gab Bohnen- und Lammfiletpfanne sowie Krebsfleisch (Boofenkochbuch S. 6,7 & 14) und spätestens jetzt wusste Dirk, warum wir ihn überredet hatten, die Dosensuppen im Auto zu lassen. Gar nicht viel später schliefen wir glücklich ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück staunten wir nicht schlecht, als uns Besuch große Holzscheite vor die Füße kippte und auf sächsisch behauptete, diese wären von der Nationalparkverwaltung für ein Feuer spendiert worden. Ungläubig vermuteten wir einen heimtückischen Test für unsere Regelfestigkeit. Aber dann stellte sich heraus, dass es Totensonntag war und nach der Ehrung auf der Hohen Liebe auch im Großen Dom bei einem offiziellen Lagerfeuer den Toten gedacht wird. Bald würde es hier von Menschen nur so wimmeln und wir zogen uns lieber auf die Insel zurück.

Dort hielt der AW (I) für die Moralischer weniger gefestigten eine weitere Probe bereit, so dass der Übergang, der per Sprung oder Überfall gelöst werden konnte, etwas Bedenkzeit in Anspruch nahm. Der Yeti hatte sich falsch gekleidet und seilte nach diesem Gipfel durchgefroren ab. Ich tat es ihm gleich, als ich mir die abzukletternde Reibung auf dem Weg zum Vandalen angesehen hatte und wegen der verlustgegangenen Moral dankend Abstand nahm. Roland und Dirk holten sich hier jedoch auf dem Neuen Übergangsweg (IV) noch eine 58. Begehung.

Schon wieder springen an der Insel

Der neue Übergangsweg von der Insel auf den VandalenBlick in den Domkessel in den Affensteinen

 

Der kurze, aber technisch interessante AW (IV) auf die Sandlochscheibe bildete dann den Abschluss unseres zweiten Klettertages, mit dem wir ebenfalls sehr zufrieden waren. Nochmals ließen wir den Blick über den imposanten Kessel und die schöne Landschaft gleiten. Dann machten wir uns auf dem Heimweg.

(Lars) (Mehr Bilder in der Galerie)

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare   

# El Präsidente 2013-01-31 10:22
Sehr schöner Bericht, der in mir die Kletterlust für das Frühjahr deutlich anheizt.

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